Diamonds

Diamonds

Was für eine Woche! Da war ich ein gefühltes Jahr nicht mehr auf einem Konzert und dann bemerke ich, dass ich gleich drei unterschiedliche Konzerte in nur einer Woche sehen werde. Hellyeah! Zunächst einmal muss ich gestehen, dass ich grundsätzlich keine Stehkonzerte mehr besuche. Dafür bin ich echt zu alt. Okay nein, ehrlich gesagt zu faul. Mit meinen 1,58 Meter stehen mir zwei Optionen zur Verfügung: Entweder ganz früh im Konzertsaal sein, nichts mehr trinken und zuvorderst regelmässig gequetscht zu werden oder ganz hinten mit Nackenschmerzen und hüpfend von einem zum anderen Bein versuchen auch nur ansatzweise etwas zu sehen. Und doch habe ich es getan – und tatsächlich etwas gesehen. Aber alles auf Anfang.

Sonntag: Roy Ayers

Oh. Mein. Gott. Er kommt also wirklich in die Hauptstadt? Mein Herz stand rasch still, als ich diesen Namen las und mir war klar: Muss ich gesehen haben! Schliesslich ist er ja mit seinen 75 Lenzen auch nicht mehr der Jüngste und ich wollte schon immer mal den Mann live sehen, der den absoluten gute Laune Song geschrieben hat. Denn recht hat er!

Everybody loves the sunshine

Der wohl berühmteste Vibraphonist, Sänger und Produzent gehört zum Genre des Jazzfunk und ist weitaus bekannt. Ja, auch du kennst ihn, wenn auch nicht dem Namen nach, dann, weil du seine Musik eigentlich schon öfters gehört hast. Er ist nämlich der meist gesampelte Musiker unserer Zeit. Künstler wie Nas, Puff Daddy (oder wie auch immer er sich heute nennt), Michael Jackson, Jill Scott, Madlib, Dr. Dre und viele andere mehr haben seine Songs weiterverwertet. Berechtigterweise wird er als «Godfather of Neo-Soul» bezeichnet, seine Einflüsse sind insbesondere bei Erykah Badu zu hören und durch sie gelangte ich schlussendlich auch zu Roy Ayers. Er macht tanzbare Musik, die man am liebsten unter freiem Himmel bei 25 Grad und einer leichten Brise hören möchte.

Leider war das Konzert nicht unter freiem Himmel. Und leider war es dann auch nicht wie geplant in der grossen Halle der Reitschule; denn die RaBe-Macher, die damit eigentlich ihr 20-jähriges Bestehen feiern wollten, hatten sich verkalkuliert. Das 3-tägige Festival wurde sehr schlecht besucht und so spielte Roy Ayers im halbvollen Dachstock. Glück für uns, denn dieses Stehkonzert konnten wir in der dritten Reihe tanzend geniessen. Der Maestro und seine Band gehören alle schon der älteren Generation an und spielten etwas halbherzig aber nicht minder gut. Die Technik haperte hie und da und Roy merkt man sein Alter an. Denn die Zugabe blieb aus und somit auch sein grösster Hit. Schade! Gut wars trotzdem und ich bin glücklich eine solche Legende live gesehen und gehört zu haben.

Roy Ayers

Bier: Keine Ahnung ★★★
Tonqualität: ★★★
Publikumsstimmung: ★★★★
Performance: ★★★
Sympathie: ★★★★
Sicht: ★★★★★
Besonderes: THE LEGEND!

Dienstag: Adele

Die Diva der Neuzeit trinkt Bier, flucht, hat einige Kilos zu viel auf den Rippen und beweist eine grosse Portion Humor auf der Bühne. Richtig, die Rede ist von Adele. Oder auch «Queen of fucking everything», denn es gibt nichts, was sie nicht schaffen würde. Das Publikum war sprachlos, lachte, weinte, jubelte, gröhlte und war am Ende einfach nur noch glücklich. Glücklich, ein Ticket ergattert zu haben (Danke an Fab und D. für die Begleitung und das Ticket im YOlo-Sektor!). Ich sag nur: Sitzplatz und beste Sicht!

Ich hatte Adele ja folgendermassen in Erinnerung: 2008 in Montreux, da kam so eine pummelige Landpomeranze im Poncho daher (entschuldige Adele, aber so war es), spielte mit verfilzten Haaren auf ihrer Gitarre und klatschte mir voll eine ins Gesicht, weil ich so voreilig über sie geurteilt hatte. Denn schon damals beeindruckte sie mit einer wahnsinnigen Stimme und hinterliess den Eindruck, dass aus ihr eine ganz Grosse werden könnte. Mit den richtigen Stylisten zumindest. Die hat sie ja mittlerweile glücklicherweise und kann sogar schon mit einem Merkmal trumpfen, das wohl jede Frau anstrebt: dem perfekten Lidstrich.

Pünktliche 5 Minuten nach Acht beginnt Adele also mit ihrem Augenaufschlag und den Worten «Hello». Damn! Die Frau hat «cojones», mit einem der grössten Ohrwürmer unserer Zeit das Konzert zu beginnen. Hätte das Lied doch eigentlich Zugabe-Potenzial. Ja klar wäre auch blöd, wenn sie mit dem Willkommens-Song bis zum Schluss warten würde. Dennoch: einen solchen Auftakt hinzulegen braucht Mut. Das Bühnenbild ist zauberhaft reduziert. Ein Mix aus Bigband-Stimmung, klassischem Konzert (Streicher auf der Bühne), Videoproduktion und Akustik-Set – die volle Bandbreite bietet uns die 28-jährige und ist dabei so erfrischend authentisch und ehrlich, wie wohl keine Zweite. Ich bin geplättet. Adele schafft es das Publikum zu unterhalten, als wären wir bei einer live Stand-up-Comedy-Show und trifft jeden verdammten Ton mit einer selbstverständlichen Leichtigkeit.

Dass sie ein Start zum Anfassen ist, beweist sie auch beim Geburtstagsständchen für einen Fan, der zu ihr auf die Bühne durfte oder auch beim Heiratsantrages eines Fans vor 13’000 Leuten, dem sie dafür die Bühne überliess, als wäre es ihr Wohnzimmer. Oder schliesslich auch beim Selfie-Posen bzw. Grimassenschneiden für diejenigen in Bühnennähe. Ich kann mich nur wiederholen: ich bin baff. Und unendlich dankbar konnte ich einem so sympathischen Abend beiwohnen.

I have two up-tempo songs for you to dance. And then you can be sad again.

Adele

Bier: Feldschlösschen ★★★
Tonqualität: ★★★★
Publikumsstimmung: ★★★★★
Performance: ★★★★★
Sympathie: ★★★★★
Sicht: ★★★★★
Besonderes: Das Glitzerkleid. Das Lachen. Das Weinen. Der Regen. ADELE selbst.

Weitere Rezensionen: hier.

Mittwoch: Jack Garratt

Der krönende Abschluss dieser Konzertreihe: der 24-jährige Brite Jack Garratt. Auf ihn habe ich mich besonders gefreut, schliesslich soll der Vollblutmusiker alle Instrumente live selbst spielen. Doof nur, dass wir keine Sitzplatztickets mehr ergattern konnten, so stark war mein Wunsch ihn zu sehen, als dass ich eben Stehplätze in Kauf genommen hatte. Das Kaufleuten in Zürich war viel zu voll und hiermit schwöre ich mir nochmals, nie mehr stehen zu müssen in solchen Lokalitäten. Mit dem einen Funken Glück konnten wir einen etwas erhöhten Stehplatz in Beschlag nehmen, sodass ich doch recht gut auf die Bühne sehen konnte.

Der Newcomer wird als Hoffnung am Pophimmel heraufbeschworen. Er liefert eine One-Man-Show der Extraklasse und erinnert stark, wohl auch wegen seiner roten Haare, an seinen Kollegen Ed Sheeran. Aber nichts da! Jack spielt in einer ganz anderen Genre-Klasse, schliesslich vermischt er die verschiedensten Musikrichtungen miteinander. Seine Stimme gehört ins Fach des Blues und R’n’B, seine Gitarrenklänge ein Gemisch aus Blues und Rock und seine Arrangements ein Mix aus verschiedensten elektronischen Indie-Sounds.

Diese One-Man-Show hinterliess Eindruck. Ich könnte das nicht, so viel auf einmal spielen und dabei singen zu müssen. Obschon er das mit Bravour hinkriegt, die Stimmte leidet darunter. Das markante Krächzen, setzt er viel zu oft ein, sodass es eher einem Rettungsboot als einem Stilelement gleicht. Die Passagen, in denen er sich mehr aufs Singen konzentrieren kann, sind viel harmonischer, präziser und nur dann kommt die Stimme auch voll zur Geltung.

Nichtsdestotrotz: Jack Garrat spielt Ohrwurm um Ohrwurm und ist sich dabei für Spässchen nicht zu schade. Er ist ein Sympathieträger und weiss das Publikum zu unterhalten, auch wenn die Technik für mehrere Minuten versagt – er spielt einfach weiter. Von ihm wird man noch einiges hören, da bin ich mir ganz sicher.

Jack Garratt

Bier: Ittinger Amber für CHF 7.50 ★★
Tonqualität: ★★
Publikumsstimmung: ★★★
Performance: ★★★★
Sympathie: ★★★★★
Sicht: ★★★
Besonderes: Der «alles-auf-einmal-Effekt». Ach ja liebes Kaufleuten: Kein Handyempfang? Ist das euer Ernst?

Legende:★ = pfff… , ★★= naja, ★★★= okaaaay, ★★★★= yes!, ★★★★★ = !!clapclap!!
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