Geduld

Geduld
Liebste Fab

Ist es Karl, der grosse Modeschöpfer, der mir hier eine Lektion erteilen möchte? Hat er mir jetzt eigentlich sagen wollen «worauf wartest du denn noch, die Slingback Pumps warten nicht ewig auf dich, das Leben ist zu kurz, bla bla… »? Mit 31 Jahren will mir also irgendjemand eine wichtige Botschaft auf den Weg geben. So oder so lieber Karl, stell dich hinten an, du bist nicht der einzige, der mir in der letzten Zeit einige kluge Worte zuflüsterte. Die Quintessenz ist stets dieselbe:

Geduld Frau Schneider Reyes – das müssen Sie jetzt wohl lernen.

Ich möchte eher daran glauben, dass ich mir meinen Chanel-Traum einfach bereits vor Wochen hätte erfüllen sollen. Dann wäre das nämlich nicht passiert. Mit «das» meine ich meinen Unfall. Vor genau 3 Wochen habe ich mir, wohlgemerkt nach einer Woche Bettruhe aufgrund einer üblen Bronchitis, einen Bänderriss in unserem Treppenhaus zugezogen. Genau, ach du Sch… auch das noch! Eine Sekunde habe ich nicht aufgepasst, mit meinen Gedanken schon bei meiner Verabredung, fünf Tasks, die ich noch erledigen wollte und mit einem Ohr meinem Nachbarn zugehört – zack, schon wars passiert. Und die Welt drehte sich, mein Fuss gleich mit. Okay, der lose rumstehende Schuh auf dem Treppenabsatz war Auslöser des Ganzen, die Schuld allerdings trage nur ich. Hätte ich mal besser aufgepasst. Wäre ich doch nur 2 Minuten früher aus dem Haus gegangen. Könnte ich nur die Zeit zurückdrehen.

Hätte. Wäre. Könnte. Was soll ich damit?

Es nützt ja doch nichts. Auch du hast es mir gesagt. Ich muss das mit der Geduld wohl jetzt üben. Korrekt, denn diese hängt meistens am seidenen Faden. Oder anders gesagt: Gerade in den letzten Wochen wurde mein Geduldsfaden überstrapaziert. Und dieser Faden stellt mir jetzt die Geduldsprobe schlechthin.

 

Was ist eigentlich Geduld? «Das Wort Geduld (auch altertümlich: Langmut) bezeichnet die Fähigkeit zu warten», so Wikipedia. Worauf also warten? Darauf gibt mir natürlich niemand eine klare Antwort. Klar, ich warte jetzt darauf, wieder schmerzfrei und normal von A nach B laufen zu können. Ich muss warten, bis die Verletzung meines Fusses abgeheilt ist. Und doch interpretieren alle vielmehr in einen solchen Unfall hinein. So zum Beispiel eben, dass das Leben mir eine Lektion erteilen möchte. Dass ich lernen sollte allgemein achtsamer zu sein und mehr Geduld aufzubringen mit mir selbst und meinen Mitmenschen.

In der Tat nicht die leichteste Übung für mich. Ich neige dazu, alles auf einmal zu wollen. Stets für alle erreichbar zu sein, jede Mail und jede Nachricht innert kürzester Zeit zu beantworten, allem und jedem gerecht zu werden. Weil ich nun mal so erzogen worden bin. Ich darf nicht egoistisch sein, das «Ich» kommt erst gegen Schluss. Und jemanden „enttäuschen“ zu müssen, war schon immer das Härteste für mich. Ja auch in den kleinsten Dingen und auch wenn für mich die Vorstellung den Menschen zu enttäuschen das viel grössere Ding ist, als für mein Gegenüber. Meine intuitive Antwort auf einen Vorschlag oder eine Bitte ist stets sofort ein «Ja», obschon ich eigentlich «Nein» sagen möchte. Ich arbeite daran und bin stolz darauf, gerade in den letzten Monaten dieses Verhaltensmuster in kleinen Schritten durchbrochen zu haben und ebenso zu merken, dass es gar nicht so schlimm ist, wie ich immer befürchtet hatte.

Ich stecke also momentan tatsächlich in einer Geduldsprobe mit mir selbst. Setze Prioritäten neu, setze das «Ich» weiter oben an. Frage mich, was ist mir wichtig, was möchte ich eigentlich? Und nicht: was wird von mir erwartet? Es ist okay eine Verabredung nicht auf den Tag zu legen, an dem ich eigentlich Zeit hätte. Denn vielleicht möchte ich eben die Zeit genau so verbringen: spontan oder mit Nichtstun. Es ist okay auf eine Nachricht erst Stunden später zu reagieren. Weil ich einfach in dem Moment etwas anders tue oder tun möchte.

Die Geduld besteht für mich persönlich aus diesen drei Grundsätzen:

  1. Sich vermehrt dem Moment hingeben. Sich auf eine Sache zu konzentrieren.
  2. Nein zu sagen, auch wenn es unangenehm scheint. Das tun, was man für sich selbst für richtig hält.
  3. Sich Zeit lassen und nehmen. Jeder für sich individuell. Denn das sind wir: Individuen.

Letzterer Punkt möchte ich gerade auf eine solche Verletzung hin deutlich hervorheben. Jedermann hat mir seine Geschichte zu dem Thema Bänderriss zugetragen. Die einen meinten mir indirekt ein schlechtes Gewissen machen zu wollen, da ich zwei Wochen lang auf Krücken ging: «Ich habe schon nach 2 Tagen wieder Sport getrieben». Die anderen meinten mich „lesen“ zu können: «Kann ja nicht so schlimm sein, wenn du jetzt schon läufst, ich war mindestens sechs Wochen zu Hause und hatte einen Gips». Jede Verletzung und jeder Heilungsprozess ist individuell, wie wir Menschen selbst es sind.

Ich habe daraus eines gelernt: Nicht so oft auf andere hören, sondern nur auf mich selbst. Denn mein Körper und mein Kopf sagen mir schon, was richtig für mich ist. Ich möchte lernen Geduld zu üben und auf mich zu hören. Einen Schritt nach dem anderen.

Herzgruss von Bern nach Zürich,
Eve
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4 Comments

  • Geduld lernen tut gut. Hinterher.
    Vielleicht gehört es zum reifeprozess.

    Wenns losgehen soll, muss es das. Doch mittlerweile bin ich einiges gelassener & das tut mir gut. Meiner Seele. Nicht so getrieben sein.

    Trotzdem Sprüh ich vor Lebensfreude und Ideen und Taten.

    Die Qualität ist eine andere…. für mich angenehmer und ja, besser.

    Dem Reflex nicht mehr nachgehen zu müssen, alle messages sofort zu erledigen, ist auch hilfreich- müssen alle lernen, ist ja neu.

    & ja, so ne Zwangspause kann man für einen Prozess nutzen. Schön, gelingt dir das.

    Big hug ❤️️❤️️❤️️❤️️❤️️❤️️

    PS:
    Ich verstehe echt nicht, das du nicht mit Gips einen Halbmarathon gelaufen bist. Du solltest dich schon dafür rechtfertigen. ???????

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