Ich muss gar nix

Ich muss gar nix
Liebste Eve

Schon als kleines Kind lernte ich bei den Pfadfindern:

hier musst du mit allen teilen.

So sass ich also da mit meinem Brötchen, das zu einer schönen Schildkröte geformt war, und freute mich ausgiebig über diese Aufmerksamkeit, die mir meine Mutter eingepackt hatte. Ich machte es mir gerade auf einem halbfeuchten Baumstamm gemütlich und strahlte diese Leckerei mit glänzenden Augen an, als mich plötzlich aus dem Nichts dieser belehrende Satz übers Teilen, mit der Wucht einer Ohrfeige traf. Anstelle von Freude trat eine grosse Beschämtheit, wollte ich doch um keinen Preis als egoistisch gelten. Wie es meinem Naturell und meiner Entziehung entspricht, teilte ich sofort mein Brot in Stücke und begann fleissig zu verteilen. So lang und so viel bis zum Ende hin nichts mehr für mich übrig blieb. Obschon mich das natürlich traurig zurückliess, hatte ich innerlich dieses erleichternde und befriedigende Gefühl es allen recht gemacht zu haben.

Das ewige Müssen

In der Tat, alle um mich herum waren happy mit ihrem Stück Brot. Was ich in diesem jungen Alter jedoch überhaupt nicht realisierte, ist die Tatsache, dass ich es eben doch nicht allen recht machen konnte. Mich selbst hatte ich dabei nämlich einfach übergangen.

Je älter, desto skeptischer wurde ich gegenüber den verpflichtenden Wörtern.

Es schien, als sei die Erwachsenenwelt ein Minenfeld aus lauter Müssen- und Sollen-Aufgaben.

Meine Skepsis behielt ich jedoch für mich. Einfach aus dem Grund, weil es mir leicht fiel, die verschiedenen Hürden zu meistern. Die Ausbildung zu absolvieren, die Steuererklärung auszufüllen (und vor allem zu bezahlen), Kompromisse mit anderen Menschen einzugehen, Miete und Fixkosten zu zahlen und vor allem zuerst einmal Geld zu verdienen. Zusammengefasst: es fiel mir leicht, den externen Anforderungen und Erwartungen schlicht und einfach gerecht zu werden. Weil mir allerdings vieles so leicht von der Hand ging und ich es mochte (beziehungsweise immer noch mag) es möglichst vielen Personen recht zu machen, schliff ich mir selbst nach und nach meine Ecken und Kanten ab.

Zu einem Grossteil fand ich Gefallen an der Position, die mir mein Sternzeichen auf den Leib geschneidert hatte: ausgeglichene, warmherzige Persönlichkeit – stets um Diplomatie bemüht. Das Bindeglied zwischen zwei Dingen. Anerkannt und gemocht. Eine angenehme Position, auf der es sich leben liesse, wäre da nicht diese quälenden Hintergedanken in meinem Kopf: Ich muss doch gar nix. Ich kann, wenn ich will. Warum dieses ewige Müssen?

Fehlende Entschlossenheit

Mit fortschreitendem Alter traute ich mich glücklicherweise Entscheidungen zu treffen, die weder dem üblichen Handlungsrahmen entsprachen noch für die grössere Masse nachvollziehbar war. So beschloss ich noch während des laufenden Studiums, dass das Wirtschaftsstudium nur bis zum Bachelorabschluss für mich taugte, und fügte stattdessen einen künstlerischen Masterstudiengang an. Eine Entscheidung, die ich bis heute nicht bereue, sondern die ich mittlerweile sogar an mir selbst bewundere. Ich liess einen sehr engen und lieb gewonnen Freundeskreis zurück und startete nur wenige Kilometer in einem andersartigen Umfeld völlig neu. Der starke Glaube, das Passende für mich gefunden zu haben, trieb mich an und motivierte mich. Nebst einem Ziel sah ich auch den Sinn in (teils unnötigen) Aufgaben und liess mir von diesen Soll-Hürden keineswegs meine grosse Freude minimieren.

Heute, im Arbeitsalltag angekommen, wünschte ich mir diese Entschlossenheit von damals zurück. Eine Entschlossenheit, die mir fortwährend sagen würde, dass ich die Aufgabe nicht machen muss, wenn ich sie nicht für richtig empfinde. Ich möchte keine irrsinnigen Deadlines um jeden Preis einhalten, wenn ich genau sehe, dass die Qualität darunter leidet. Ich möchte auch nicht permanent erreichbar und maximal flexibel sein. Ich kann, ich muss aber nicht. All diese Erwartungen erfüllen zu müssen, nur damit das Gegenüber nicht denkt, man würde weniger Engagement oder Leidenschaft ins Projekt stecken, ist anstrengend, aber vor allem zermürbend.

Meine Wünsche

Ich möchte mich aus meinem eigenen Willen heraus dazu entscheiden, eine Herausforderung anzunehmen. Diese möchte ich dann mit einem solchen Engagement angehen, dass ich allein durch das Annehmen der Herausforderung Freude entwickle und einen Sinn in meiner Tätigkeit erkenne. Mit halbem Einsatz hat schliesslich noch niemand einen Blumentopf gewonnen.

Zukünftig wünsche ich mir, dass ich stärker für meine Meinung einstehe und Streitereien nicht aus dem Weg gehe – einfach weil es einfacher erscheint. Erleichtert wäre ich, wenn ich eine Muss-Aufgabe hinterfrage, ja sogar schlicht und einfach nicht erledigen würden. Mich sozusagen der Angst und den (negativen) Konsequenzen entschlossen stelle.

Ich verlange von mir, dass ich den Mut aufbringe, stärker meine innere Haltung zu demonstrieren. Bis zum Schluss nicht einzuknicken, nur um jemandem einen Gefallen zu machen.

Ich erhoffe mir, mich in meiner vollständigen Art entfalten zu dürfen und mich nicht mit angezogener Handbremse durch das Erwachsenen-Minenfeld bewegen zu müssen.

Meine Erkenntnis aus diesen Überlegungen ist so einfach und gleichzeitig so schwer umsetzbar:

Ich muss gar nix. Ich kann mich von diesem Zwang befreien.

Liebe Grüsse nach Bern,
Fab

 

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2 Comments

  • Wunderbar dieser Beitrag – spricht mir aus dem Herzen 🙂 Jahr für Jahr befreie ich mich immer mehr und mehr davon und stehe deshalb Leuten auf den Füssen. Das ist nicht immer angenehm, weil ich es auch gern allen Recht mache, aber was soll denn bringen…. soll denn mal auf meinem Grab stehen „Sie hat immer das gemacht was man von ihr erwartet hat….“ Wow. Nein danke.

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