Musiknutzungsverhalten

Musiknutzungsverhalten

Weisst du noch, wie wir damals den Samstagnachmittag verbracht haben? Ich für meinen Teil verbrachte meine Samstage meist im Plattenladen oder auch im CD-Handelsgeschäft. Ja, das war unser Ritual, der Samstag gehörte meinem Daddy und mir. Zuerst stundenlanges Musikhören, dann mit einem ganzen Stapel CDs aus dem Laden stolziert, chinesisches Essen im ehemaligen Restaurant «Peking» (heutiges Kung Fu Burger) gemampft und als krönender Abschluss der gemeinsame Kinobesuch.

Am Sonntag hörten wir uns dann zu Hause gemeinsam die Musik an, die wir gekauft hatten. Dabei verschlang ich das dazugehörige Booklet wie ein gutes Buch und freute mich jedes Mal darüber, wenn die Texte enthalten waren, schliesslich konnte ich dann so mitsingen. Ich hütete jede Platte und CD wie ein kleiner Schatz und hörte mir die Alben so lange an, bis ich jedes Stück auswendig konnte. Die Musik hatte einen ganz besonderen Stellenwert in meinem Leben und nun frage ich mich, hat sie dies nicht mehr, seitdem ich mir physisch praktisch keine Musik mehr kaufe?

Vinylplatten haben diesen Stellenwert für mich nach wie vor und ab und an kaufe ich mir ein gutes Stück, welches ich dann stets mit der grössten Sorgfalt aus der Verpackung nehme und genüsslich in Reichweite anhöre. Schliesslich ist nach ein paar Liedern bereits das Wenden der Platte angesagt. Wenn mich die Nostalgie packt, dann krame ich sogar meinen Walkman hervor (der übrigens immer noch top funktioniert) und höre mir die alten Mixtapes an. Ja sogar den Minidiscplayer habe ich behalten und den alten iPod findet man ebenso in einer der Krimskrams-Schachteln. Das Musikhören war also etwas Haptisches, Greifbares, etwas, das man wirklich bewusst «tun» musste, damit man in den Genuss kommt.

Heute sieht mein Musiknutzungsverhalten folgendermassen aus: Kein CD-Laufwerk ist in meiner Wohnung zu finden, iTunes ist ebenso auf 2 Alben geschrumpft, dafür läuft nun Spotify, 8tracks, Soundcloud, Youtube und alle anderen Online Dienste auf Hochtouren. Dabei erwische ich mich immer wieder, dass ich mir ein Album kaum ein zweites Mal anhöre. Und auf Spotify sind es dann meist irgendwelche Random-Playlisten oder die Kategorie «Deine Musik – Songs», in der ich auch wahllos Lieder gespeichert habe, die mir so begegnet sind und die ich gut finde. Kein Booklet lesen, kein Album rauf und runter hören, bis die Nachbaren Oropax kaufen, kein euphorisierender Augenblick beim Einwerfen der CD und gespanntes 5 sekündiges Abwarten, bis es losgeht.

Musik ist ein Gebrauchsgegenstand geworden, der an Wertigkeit verloren hat.

Päng. Da haben wirs. Schalte ich beim Autofahren das Radio ein, klingt alles aus der Hitparade irgendwie gleich. Die Clubs langweilen mich, überall wird derselbe Sound gespielt. Musik scheint wie eine flüchtige Tinder Bekanntschaft zu sein, nach links gewischt, schwupps schon der nächste Track. Es widert mich an. Wo bleibt denn die Leidenschaft für die eine Sache? Deshalb wende ich mich an dieser Stelle an mich selbst und plädiere fürs langsame Musikhören. Und vor allem fürs Hinhören. Da kommt es doch gelegen, bringt eine meiner liebsten Künstlerinnen, Róisín Murphy nach 8 Jahren ein neues Album heraus. Und hiermit gelobe ich es so lange rauf und runter zu hören, bis ich es in- und auswendig kenne.

Und wie sieht dein Musiknutzungsverhalten von früher und heute aus?

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