Privatsphäre (un)erwünscht

Privatsphäre
Quelle: Jay Mantri
Liebste Eve

Ich sitze spätabends im Tram und rund um mich herum scheinen alle Leute vertieft in ein kleines Stück Technik zu sein. Dieses Tool, das uns Zugang zu einer anderen Welt ermöglicht. Eine Welt, die wir uns so schaffen, wie sie uns gefällt und in die wir die Person unmittelbar neben uns nicht einladen wollen. Die Körperhaltung aller im Tram Anwesenden schreit förmlich:

Lass mich in Ruhe, sprich mich nicht an!

Trotz dieser unterkühlten und ablehnenden Haltung kann ich auf einen Blick erspähen, was alle so treiben: Die junge Frau vor mir schreibt einem Tinder-Match, der Mann neben mir schaut sich die Status-Updates seiner Facebook Friends an und seine Begleitung scrollt durch ihren Instagram-Account. Und ich? Ich erlaube mir dieses Urteil, während ich mich selbst mit meiner Spotify-Playlist abschotte. In diesem Moment weiss ich nicht, ob ich schmunzeln oder in die ewigen Tiraden gegen unsere Generation einstimmen soll.  Ja, wir haben eine enge Bindung zu den sozialen und eben digitalen Medien und nicht mehr so sehr zum analogen, sozialen Austausch mit unseren direkten Mitmenschen.

Privatsphäre 2.0

Trotzdem: Wir teilen. Nur teilen wir eben sehr selektiv und manchmal bevorzugen wir doch tatsächlich die anonyme (digitale) Masse gegenüber den lieben Kollegen. Das Mitteilungsbedürfnis ist also reichlich vorhanden. Aber wir interpretieren Privatsphäre anders als die Generationen vor uns.

Privatsphäre ist ein nicht öffentlich zugänglicher Bereich, indem ein Mensch seine Persönlichkeit frei entfalten kann, unbehelligt von Aussen.

Die Privatsphäre heute wird anders er- und gelebt: Während wir in öffentlichen Orten gerne in unsere eigene kleine Welt tauchen und uns gezielt abschotten, teilen wir in der digitalen Wolke jeden noch so kleinen (bevorzugt freudigen) privaten Moment. Wir wünschen uns Privatsphäre an öffentlichen Orten, während wir gerade intime Momente einer viel grösseren Masse zeigen. Irgendwie doch sehr paradox.

Maximale Flexibilität?

Ich habe viel mehr Fragen zu dieser neuen Privatsphäre, als dass ich dazu Antworten hätte. Aber ich bin klar der Überzeugung, dass die durch Technik geschaffene Flexibilität das Privatleben komplizierter gemacht hat: Wir sind fasziniert und gleichzeitig getrieben von den neuen Möglichkeiten, welche uns jede weitere App eröffnet. Ja, wir sind wahrlich Meister darin, uns das Leben durch Technologie scheinbar einfacher zu machen. Gleichzeitig haben wir grosse Schwierigkeiten in der direkten Kommunikation unsere Meinung zu formulieren: Wir haben Angst, Angriffsflächen zu bieten. Schliesslich können wir das gesprochene Wort weder bearbeiten, noch umformulieren und schon gar nicht löschen.

Private Momente

Bei mir selber habe ich aber festgestellt, es gibt sie noch, die altbekannte Privatsphäre, die über die Wände deiner Wohnung definiert wird und dort bleibt. Die Momente mit den richtigen Personen, bei denen dein Telefon zwar wenige Zentimeter neben dir liegt, du es aber keines Blicken würdigst. Die Momente, in denen du zwar ebenso wenig sprichst, du aber die Stille geniesst und weit weg von Likes, Traumstränden und Smileys bist.

Es ist also auch für unsere Generation durchaus möglich im «Hier und Jetzt» zu sein. Aber es ist für uns zunehmend schwieriger, die richtige Welt mit der eigens kreierten digitalen Welt zu vereinbaren. Und umso weiter Realität und Wunsch auseinandergeht, umso unzufriedener und entscheidungsunfähiger werden wir als Gesellschaft.

Kämpfen wir also hin und wieder dagegen an: Lassen wir private Momente privat sein und geniessen sie nur für uns. Mehr Privatsphäre ist erwünscht!

Liebe Grüsse nach Bern,
Fab
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