SWISSness von heute

Swissness heute

Rund eine Woche nach dem Schweizer Nationalfeiertag stellen wir uns der Frage: Was bedeutet SWISSness heute eigentlich?

Freitagmorgen, der Wecker hat gerade geklingelt und das übliche Morgenritual steht an: Feeds durchscrollen. Wir bleiben beim neuen Spot der Schweizer Flugzeuggesellschaft SWISS hängen, welcher Aushängeschild der neuen Kampagne «Made of Switzerland» ist.

Uns Schweizer sind Qualität, Zuverlässigkeit und Gastfreundschaft wichtig. Wir leben diese Eigenheiten, sie sind gar Teil unserer Identität!

Wie bei Dito so üblich tauschen wir uns über neue Markenauftritte oder Kampagnen liebend gerne aus, und obwohl wir vielfach gleicher Meinung sind, gehen auch bei uns die Ansichten manchmal auseinander. Zunächst einmal gefällt uns beiden der Stil der neuen Kampagne ziemlich gut – vielleicht auch, weil sie von den alten Swissair-Postern inspiriert sind und Retro ja bekanntlich Trend ist.

 

Bilderquelle: www. swiss.com – Made of Switzerland

Gegensätzlicher Ansicht sind wir jedoch bei der Wahl des Sprechers in Englisch für die Spotvertonung. Ist der Schweizer Akzent die perfekte Finesse oder ein altmodischer Zopf?

Und genau dies führte uns zum Diskussionspunkt:

Was ist SWISSness für uns? Und inwiefern gefällt oder eben missfällt uns die Darstellung in dieser Kampagne?

Fab meint:

Schlichtweg entzückt bin ich von der neuen Bildwelt und fühle mich als Schweizerin gut getroffen: kosmopolitisch, ästhetisch, elegant, angenehm zurückhaltend. Tatsächlich leben wir in einer fast schon surreal sauberen Welt und nehmen das viel zu selten wahr. Die Kombination aus Menschenportraits in einer geometrischen Landschaft ist modern und emotional, auch wenn manchmal etwas unnahbar. Aber das gehört zum Schweizer-Sein dazu: Totale Offenheit ist nicht unsere Stärke. Passt also.

Beim dazugehörigen Spot sitze ich etwas ernüchtert vor dem Bildschirm: Warum ist ein solch toller Kampagnenspot mit Schweizer Akzent im Englischen vertont? Ist das eine Eigenheit, die uns liebenswürdig macht, und haben wir diesen «jöö»-Effekt im Ausland wirklich nötig?

Als eine grosse Schweizer Stärke erachte ich unsere Vielsprachigkeit: Niemand spricht Schweizerdeutsch ausserhalb unserer Grenzen und zudem spricht es sogar nur ein Teil des Landes. Das heisst für uns, um untereinander und mit der weiten Welt zu kommunizieren, viele Sprachen zu lernen und uns anzupassen. Schriftdeutsch (oder auch: Hochdeutsch) ist bereits unsere erste «Fremdsprache» und schnell stossen Französisch, Italienisch und Englisch zum Repertoire dazu. Manche Sprachen sprechen wir bessere als andere, aber das ist völlig normal und von individueller Prägung.

Mir ist es wichtig, sich in einem (fremden) Land oder in einer Sprache Mühe zu geben. Das heisst nicht nur eine Aneinanderreihung von Worten zu beherrschen, sondern eben auch die korrekte Phonetik. Darauf lege ich als junge Schweizerin, nebst Pünktlichkeit, Anständigkeit, Zuverlässigkeit und Ordentlichkeit sehr grossen Wert. Nein, müsste ich alles nicht, so bin ich einfach.

Warum also wählt man in einem so modernen Video als Schweizer Eigenheit den Akzent, setzt ansonsten aber auf visuelle Angepasstheit, die uns von anderen Ländern kaum unterscheidet?

Mich wundert das, denn unser Swinglish-Akzent ist weder französisch-charmant noch spanisch-erotisch, sondern einfach nur gewöhnungsbedürftig, wenn nicht gar ohrenbetäubend.

Ja, wir sind ein kleines Land und ja, wir haben spezielle Eigenheiten – die wir modern leben. Trotzdem bin der Meinung, dass unsere Generation dieses «härzige» Image nicht mehr nötig hat. Wir leisten als Gesellschaft viel und unterschätzt zu werden, bringt uns im internationalen Vergleich wenig.

Im Übrigen ist es nicht so, dass ich eine gewisse ironische Anwendung unserer Schweizer Eigenarten nicht lustig finde, allerdings muss die Botschaft dann auch überspitzt sein. So wie beispielsweise im Schweiz Tourismus Video schön umgesetzt.

 

Eve meint:

Ich halte mich ganz und gar nicht für eine Patriotin. Mag vielleicht daran liegen, dass ich nicht in der Schweiz geboren wurde und ich stolze Kolumbianerin bin, dennoch ist es mein Zuhause und je älter ich werde, desto mehr schätze ich es. Dies war aber eben nicht immer so. Die weite Welt war stets interessanter und die Ferien im eigenen Land verbringen zu müssen für mich bislang ein Graus. Ein Erlebnis vor nicht allzu langer Zeit liess mich allerdings die Schweiz von einer anderen Seite betrachten.

Es war der Sommer, als Fab und ich es zum ersten Mal gemeinsam nach Berlin schafften. Bei 38 Grad sehnten wir uns nach einer Abkühlung, also ging es sonntags an den Schlachtensee. Die U-Bahn war voller badehungriger Menschen, es schien, als hätte ganz Berlin denselben Plan gehabt. Und dem war auch so. Was uns als einer der schönsten Badeseen verkauft wurde, war in Wirklichkeit ein ziemlich kleiner und trüber See, der zwar ganz hübsch anzusehen war, aber bei der Masse an Menschen mich nicht zum Baden animieren konnte. In dem Moment dämmerte es mir. «Botztuusig» haben wir ein Glück! So viele klare und schöne Seen, Rückzugsorte, Wanderwege, Berge und meine geliebte Aare, die nie zu voll sein kann, dass es mich «gruuset». Damit waren meine Auswanderungspläne einmal mehr in den Hintergrund gerückt. Eigentlich geht’s mir ja sehr gut, dort wo ich bin. Dieses Gefühlt trifft die SWISS-Kampagne sehr gut.

Diesen Sommer war es also soweit: ganze zwei Wochen Ferien habe ich im (zweiten) Heimatland verbracht. Bereut habe ich es keine Sekunde, auch wenn ich zugeben muss, dass mir das Meer ganz schön fehlt und ich wohl im Herbst doch noch eine Woche Strandurlaub buchen werde. Es ist eben nicht alles perfekt, auch wenn wir die Perfektion stets anstreben. Die geht mir nämlich ganz schön auf die Nerven, besonders diese scheinbar exakt geschnittenen Gärten und Rasenplätze. Denn wir sind weit davon entfernt, in einem perfekten Land zu leben. «Was die Vereinbarung von Familie und Beruf angeht, ist die Schweiz ein Entwicklungsland», so die Autorin in diesem Artikel über berufstätige Frauen mit Kindern, den ich ziemlich treffend finde und an dieser Stelle gerne empfehlen möchte.

Aber item, eigentlich sprechen wir ja hier über die neue SWISS-Kampagne, die mich überrascht hat. Denn ich hätte nie gedacht, dass ich den Englisch sprechenden Spot mit Schweizer-Akzent so mögen würde. Natürlich ist es ein wirtschaftlich kluger Schachzug. Wir geben dem ausländischen Publikum die Show, die von uns erwartet wird. Heidi und der Geissenpeter sprechen nun mal kein astreines Englisch und die Tourismusbranche der Schweiz wird es zu schätzen wissen. Weiter sehe ich es anders als Fab. Es fühlt sich für mich gar nicht «härzig» an oder gar so, als würden wir uns in der grossen weiten kosmopolitischen Welt klein machen. Meiner Ansicht nach fühlt es sich viel mehr wie ein Befreiungsschlag an. «Just be yourself» predigen uns nicht nur die Frauenzeitschriften. Nein, zum ersten Mal stehen wir öffentlich dazu, dass wir eben nicht so perfekt sind. Und das finde ich wahnsinnig sympathisch.

Die Schweiz kann sich im 2016 modern und hip zeigen, ohne die Wurzeln dabei zu vergessen. Sehr bodenständig und ebenso eine Eigenschaft, die für unser Land steht.

Auch wenn ich selbst, ähnlich wie Fab, auf die Phonetik achte und mir in allen Fremdsprachen stets Mühe gebe so gut wie möglich akzentfrei zu sprechen. So bin ich nun mal, getrimmt von klein auf, die Dinge möglichst richtig und perfekt anzugehen. Findest du jetzt widersprüchlich, hm? Ja, so ist die Schweiz nun einmal und macht sie umso interessanter. Vielleicht finde ich den Akzent auch gerade deshalb sympathisch. Selbst strebt man nach dieser akzentfreien-Perfektion und findet’s bei anderen lustig, wenn’s nicht so ist. Beweist auch das folgende Video, welches viral durch die Decke ging und die SWISS allenfalls auch zu der Sprecherwahl inspirierte?

Schwiizerdütsch

Einig sind wir uns jedoch bei der Schweizerdeutschen-Version: hier passt einfach alles. Besonders die Kernaussage.

Nicht jeder versteht, weshalb wir so sind. Aber es gibt einen Ort, wo jeder schätzt, dass wir so sind.

Treffender könnte es auf Dito nicht geschrieben stehen.



Dieser Post ist nicht gesponsert und entspricht zu 100% unserer eigenen subjektiven Meinung.
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