Vertrauen

Vertrauen
Quelle: Jay Mantri
Liebste Eve

Als wir letztens zusammen den Flieger nach Berlin bestiegen, haben wir uns darüber unterhalten, ob unser Vertrauen in die Sicherheit des Fliegens und in die Piloten immer noch gleich ist oder ob wir mittlerweile jedem Piloten grundsätzlich misstrauen (sollten)?

Unser Gespräch und verschiedene andere Artikel rund um das Thema «Vertrauen» haben mich dazu angeregt, mir selbst die Vertrauensfrage zu stellen: Wo vertraue ich blindlings und wo sollte ich weniger analysieren und einfach aufs Gute hoffen?

Vertrauen begleitet uns im Alltag, lapidar gesagt, einfach so nebenher und wird gleichzeitig in unserer Gesellschaft in beziehungstechnischen Fragen zum Diskussionspunkt Nummer 1 hochstilisiert. Während ich also jeden Tag in den Bus steige und dem Chauffeur vertraue, dass er mich sicher von A nach B bringt, während ich zielstrebig auf einen Fussgängerstreifen zugehe, in der Annahme, dass der Fahrer rechtzeitig hält, während ich Arbeitskollegen vertraue, dass sie ihre Arbeit einwandfrei erledigen, während ich im Restaurant dem Koch vertraue, dass ich keine verdorbenen Esswaren konsumiere, etc. – so steht das Fundament von Vertrauen in (Liebes-) Beziehungen, also in etwaiger Verbindung mit Zuneigung und Ungereimtheiten, sehr schnell auf wackeligen Beinen.

Warum ist das Alltagsvertrauen, trotz zahlreichen Negativschlagzeilen in den Medien, schwer zu erschüttern, das Vertrauen in eine nahestehende Person jedoch so labil? Warum vertrauen wir beliebigen Fremden oder jeder Werbung mehr als den Menschen, die uns besonders nah sind?

Vertrauen ist der Wille, sich verletzlich zu zeigen.

Ich kann es drehen und wenden, wie ich will, und ende immer bei der Komponente, die mit Vertrauen eng verbunden ist: «Kontrolle». Ist das Vertrauen in das Verhalten der anderen Person gross, so tritt das Bedürfnis nach Kontrolle in den Hintergrund. Im umgekehrten Fall ist die Unsicherheit so gross, dass das Kontrollbedürfnis das fehlende Vertrauen ausgleichen soll. Ein Trugschluss und in einer Beziehung zwischen zwei Personen schnell der Anfang vom Ende. Aber bitte, wer möchte sich schon als verletzlich zeigen, in einer Welt, in der alles höher, weiter und besser gehen muss?

Fällt es uns also im Alltag nur leicht Kontrolle abzugeben und somit zu vertrauen, weil wir wissen, dass wir nicht die Experten in dieser Aufgabe sein können? Ist dieses Vertrauen bereits so alltäglich, so selbstverständlich, dass wir dem keine Bedeutung mehr beimessen? Es scheint ganz so. Oder fällt uns im heutigen digitalen Zeitalter das Vertrauen in Liebesbeziehungen grundsätzlich schwer, weil wir mittlerweile dank Facebook, Tinder & Co. alle wissen, wie unterschiedlich Realität und die eigene Darstellung sein können? Wir haben also jeden Fotofilter und jede editierbare Lebensweisheit unter Kontrolle, aber damit gleichzeitig das Vertrauen begraben.

Vertrauen besteht, wenn ich davon ausgehe, dass dem anderen an meiner Sicherheit und Wohlfahrt gelegen ist.

Ich plädiere in diesem Sinn für den Mut zu weniger Kontrolle und mehr Bauchentscheide auch oder vor allem im grössten Liebeschaos. An dieser Stelle zitiere ich gerne dich, liebe Eve:

Let it flow.

Das soll nicht heissen, dass wir mit verbundenen Augen und 180 km/h durchs Leben rasen sollen, sondern ich appelliere auch an mich den Fuss endlich von der gedanklichen Bremse zu nehmen und meinem Umfeld mehr zu vertrauen oder auch zuzutrauen. Das heisst Kontrolle abgeben und nicht zu planen oder zu wissen, wie es weiter geht. Eine Entscheidung zu treffen ohne alle Eventualitäten durchdacht zu haben und darauf zu vertrauen, dass Andere es manchmal eben besser wissen und können. Aber vor allem den Personen das Gefühl zu geben, dass sie dieses Vertrauen verdient haben.

Das bringt mich wieder zu meiner ursprünglichen Frage zurück: Ich, ja in diesem Fall wir, haben trotz des erst kürzlich tragischen Vorfalles immer noch grosses Vertrauen in die Piloten. Deutlicher hätten wir dieses entgegengebrachte Vertrauen auch nicht demonstrieren können. Wir haben schliesslich den ganzen Flug zwischen Zürich und Berlin schlafend verbracht.

Herzlichst, Fab
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1 Comment

  • Oft vertraut man in viele und vieles- so automatisch oder besser instinktiv, wie du das beschrieben hast; doch nicht in das eigene Können oder Leben. Schon oft entdeckt…
    Das ist auch verrückt, oder?

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